v.l. Margret Illigens, Gerd Weinfurth, Gisela Kernspecht (Foto: privat)
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Mülheim. „Da kommt man nicht von los”, sagt Gerd Weinfurth (93). 26 Jahre lang hat er die Alzheimer-Selbsthilfegruppe in der Evangelischen Familienbildungsstätte Mülheim geleitet, die letzten 20 Jahre davon gemeinsam mit Margret Illigens (77). Nun ziehen sich beide aus Altersgründen zurück. Nicht so ganz, denn der Mülheimer Alzheimergesellschaft bleiben sie noch verbunden. Die Selbsthilfegruppe allerdings löst sich mit dem Jahresende auf. Die Mitglieder, die sich zuletzt monatlich unter dem Dach der Evangelischen Familienbildungsstätte trafen, können nun ins Angehörigencafé der Alzheimergesellschaft am gleichen Ort wechseln.

„Man darf das Lachen nicht verlernen. Es darf einen nicht mit Haut und Haaren auffressen”, sagt der 93-jährige Gerd Weinfurth mit einem Blick auf die vergangenen 26 Jahre, in denen er gemeinsam mit Margret Illigens „eigentlich immer” für seine Gruppenmitglieder da war. Nun hat er gemeinsam mit Margret Illigens beschlossen, dass es Zeit ist, sich aus der verantwortlichen Rolle zurückzuziehen.

Wie viel Zeit die beiden ehrenamtlichen Leitenden für ihre Selbsthilfegruppe aufgewendet haben, können sie im Nachhinein kaum beziffern. „Es war mir wichtig, dass die Leute uns immer erreichen können, uns jederzeit anrufen, auch Weihnachten und Ostern”, sagt Margret Illigens. „Ich weiß doch selbst, wie wichtig es ist, dass man im Gespräch etwas, das man gerade erlebt hat, wieder loswerden kann”. Sie kam genau wie ihr Kollege Weinfurth als Angehörige in die Gruppe, beide Ehepartner waren dement. „Fast alle Probleme, die in der Gruppe zur Sprache kamen, haben wir auch selber zu Hause erlebt”, so Gerd Weinfurth. „Das krieg ich schon alleine hin – das hab ich viel zu oft gedacht”, berichtet Margret Illigens von der Zeit vor ihrem Einstieg in die Gruppe. „Und dann war es sehr erleichternd zu sehen, dass es noch andere gibt, denen es ganz ähnlich geht.”

Die häusliche Situation entschärfen – das sei es, was die Selbsthilfegruppe für viele Mülheimerinnen und Mülheimer mit Demenz und für ihre Angehörigen geleistet hat. Illigens: „Viele Angehörige sind unsicher, wollen zum Beispiel wissen, ist es normal, wenn mein Man Dinge gestern noch konnte, heute nicht mehr, aber morgen vielleicht wieder?“ Die Gruppe half als Basis für Erfahrungsaustausch. „Natürlich hat jeder demente Mensch andere Bedürfnisse, jede Familie ist anders”, sagt Margret Illigens. „Wir als Gruppe haben uns bemüht, Leitplanken zu bieten, seinen Weg darin gehen muss jeder selbst”.

Einige organisatorische Leitplanken steuerte immer auch die Evangelische Familienbildungsstätte bei, die sich die Unterstützung von Selbsthilfegruppen zum Programm gemacht hat. Vor 26 Jahren gehörte die damalige Fachbereichsleiterin Gisela Kernspecht zu den Mitgründerinnen der Alzheimer-Selbsthilfe, betreute die Gruppe im ersten halben Jahr auch persönlich mit, bis Gruppenmitglied Gerd Weinfurth immer mehr Aufgaben übernahm. Die Räume am Scharpenberg konnte die Gruppe immer kostenfrei nutzen, organisatorische Unterstützung gab’s obendrein. „Insbesondere in der ersten Zeit haben wir Kontakte, zum Beispiel zum Krankenhaus, und eine Vernetzung zu anderen Selbsthilfegruppen aufgebaut”, erinnert sich Gisela Kernspecht. Von diesem Netzwerk profitieren die Mitglieder der Mülheimer Selbsthilfegruppe nun auch weiterhin, viele wollen nahtlos ins Angehörigencafé in der Familienbildungsstätte wechseln.

 

Kontakt für Angehörige:
Alzheimergesellschaft Mülheim: 0208 99107670,
info@alzheimer-muelheim.de


Ansprechpartnerin für Selbsthilfegruppen in der Ev. FBS:
Irmgard Bonert, Telefon: 0208 3003.316, bonert@evfamilienbildung.de

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