In einem Brunnen wird noch eine große Amphore entdeckt (Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken)
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Krefeld. Seit einigen Tagen ist der Boden tiefgefroren. Eigentlich kein gutes Wetter für Archäologen. Trotzdem graben sie in Krefeld-Gellep. Denn mit dem letzten Februartag endet die Kampagne der größten Ausgrabung in der Stadtgeschichte. In den vergangenen zehn Monaten hat Stadtarchäologe Dr. Hans-Peter Schletter mit seinem Team weit über 3000 Befunde mit zehntausenden Fundobjekten erfasst, dokumentiert und gesichert. „Die Auswertung wird Jahre dauern“, sagt Schletter mit einem freudigen Unterton. Denn nach der Grabung beginnt nun der zweite spannende Teil: Die Restaurierung der Objekte, die Einordnung der Funde und die sich daraus ergebenden neuen Erkenntnisse über die Menschen, die in der Zeit von 800 vor Christus bis 500 nach Christus in Krefeld-Gellep gelebt haben.

Das rund 3,7 Hektar große Areal im Hafen sieht inzwischen aus wie eine aufgewühlte Mondlandschaft. „Wir haben es geschafft, alles zu untersuchen“, freut sich der Stadtarchäologe. Die letzten Arbeiten konzentrieren sich nun auf das nördliche Lagerdorf der Römer. Dort geht es für die meist ehrenamtlichen Helfer zum Abschluss in die Tiefe. „Wir graben jetzt noch einige Brunnen aus“, berichtet Schletter. Und wieder werden sie fündig. Eine große Amphore kommt an einem einstigen Brunnengrund zu Vorschein. Viele Einzelteile des Gefäßes bergen die Grabungshelfer noch aus dem Erdreich. Es wird der letzte große und zudem nochmals ein schöner Fund sein.

Die Brandbreite des Fundmaterials ist enorm. „Wir wussten zwar, dass wir hier einiges zu erwarten haben“, sagt Dr. Jennifer Morscheiser, Leiterin des Museums Burg Linn. Die Menge und Qualität stellten dann doch eine Überraschung dar. „Wir haben etwa 60 Kubikmeter an Funden“, so die Museumsleiterin. Darunter hunderte Münzen, Waffen, eine Bronzewerkstatt, mehrere Öfen und vor allem das römische Dorf mit seinen Häusern und Straßen. „Die Struktur des Vicus ist gut erkennbar. Der bisherige Blick auf die Siedlung wird sich sicherlich ändern“, sagt Schletter. Alle bisherigen Ergebnisse müssen jedoch noch detaillierter geprüft werden. Bei der zeitlichen Einordnung helfen unter anderem die zahlreichen Keramikfunde. Zuletzt gruben die Archäologen noch einen Helm aus, der wohl aus der Bataverschlacht 69 nach Christus stammt. Gerade zu diesen Kampfhandlungen ergaben sich viele neue Funde. „Wir haben schon über 300 Pferdeskelette in unserem Bestand. Jetzt haben wir nochmals 20 Tiere gefunden“, berichtet Morscheiser. Die Entdeckung von Befestigungsgräben und Pferdeskeletten untermauern die bisherigen Funde und die schriftliche Quelle des römischen Historiker Tacitus (58 bis 120 n. Chr.). Rund 20 000 Mann, Römer und Bataver, kämpften rund um das Kastell. Eines der neu entdeckten Pferdeskelette wurde im vergangenen Herbst aufwändig geborgen und soll künftig in der Dauerausstellung präsentiert werden.

Aber nicht nur aus der Römerzeit fanden die Archäologen wichtige Spuren: Zur Überraschung bargen sie in einem Bereich des Gräberfelds früheisenzeitliche Grabhügel und Urnengräber (circa 800 bis 450 vor Christus). Das römischfränkische Gräberfeld in Krefeld ist das größte erforschte seiner Art in Deutschland und in der Wissenschaft für seine außergewöhnlichen Funde aus über 6500 Gräbern bekannt. Die freigelegten früheisenzeitlichen Gräber belegen, dass das Gebiet schon deutlich vor den Römern für Beisetzungen genutzt wurde. Einige Urnen sind inzwischen von der Restauratorin Eileen Wolff zusammengesetzt und bereits temporär in der Dauerausstellung zu sehen.

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