Urkunden und die Cäcilienmedaille über dem Klavier dokumentieren, wie lange sich Albert Giesing schon für den Chor einsetzt. Seine Frau Gertrud unterstützt ihn dabei (Foto: Bischöfliche Pressestelle/Christian Breuer)
Anzeige

Voerde. Es dauert nicht lange, und auf dem Esstisch des gemütlichen Wohnzimmers von Alfred und Gertrud Giesing stapeln sich Aktenordner und Fotoalben. Fast ein ganzes Leben, fein säuberlich sortiert, breitet sich dort aus. Immer wieder steht Gertrud Giesing auf, geht zu dem schweren Wohnzimmerschrank und zieht einen neuen Ordner hervor. Erzählen könnten Giesings all ihre Erlebnisse auch ohne die Zeitungsausschnitte, Briefe und Urkunden. Doch durch sie bekommen die Namen ein Gesicht und die Geschichten Farbe. „Weißt Du noch, unser erster Ausflug?“ ­– auf Anhieb greift Gertrud Giesing den richtigen Ordner, blättert kurz und hält ein leicht vergilbtes Programmheft in der Hand.

„Die Fahrten in die Eifel und an die Mosel waren immer schön, da gab es Wein und Gesang“, sagt Alfred Giesing und lächelt verschmitzt. „Mit Wein singt es sich am besten.“ Im Dezember wird Alfred Giesing 90 Jahre alt, der Gesang gehört zu seinem Leben. Als Kind wurde er Mitglied im Kirchenchor St. Peter Spellen. Das war im August 1938 – 80 Jahre ist das nun bald her, Alfred Giesing hat seinem Chor die ganze Zeit die Treue gehalten. Er blieb dabei, als der Krieg das Land heimsuchte und regelmäßige Proben unmöglich machte, er blieb dabei, nachdem die Kirche von Spellen durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt wurde. Er blieb aber auch dabei, nachdem er sich im Juli 1949 auf einer Pilgerfahrt in eine Frau verliebt hatte, die er später heiraten und mit der er sechs Kinder großziehen würde. Alfred und Gertrud Giesing lächeln sich an: „Ich wusste, dass das seine große Leidenschaft ist. Deshalb habe ich ihn immer gehen lassen, wenn er zu den Chorproben musste“, sagt sie schließlich.

39 Jahre lang war es Alfred Giesing, der als Notenwart dafür sorgte, dass jeder Sänger immer die richtige Chorliteratur griffbereit hatte. „Der Bibliothekar“ nannten sie ihn, den gelernten Maurer, damals. „Manchmal habe ich die Mappen nach den Proben zwei Stunden lang sortiert und die Notenblätter wieder zusammengeflickt“, erinnert er sich. Viele Chorleiter hat er kommen und gehen sehen in der Zeit. Und auch, wenn die Noten gleich geblieben sind, das Tempo hat sich geändert: „Heute wird viel schneller gesungen als damals“, sagt Giesing, der sich auch sonst immer in seiner Gemeinde engagiert hat. Allein 16 Jahre lang saß er im Pfarrgemeinderat.

Verliert man in acht Jahrzehnten nicht irgendwann die Lust am Singen? Giesing muss nicht lange überlegen und schüttelt den Kopf: „Nein“, sagt er ruhig, „sowas hat es bei mir nie gegeben.“ Zu viele schöne Momente sind mit seiner Leidenschaft verknüpft. Die Primiz von Theodor Jordan etwa im Jahr 1947, ein Sohn der Gemeinde und selbst lange Jahre Mitglied des Chores. Oder das Konzert in der noch zerstörten Pfarrkirche von Alpen, 1951 war das. Und natürlich die vielen Treffen mit anderen Chören, die unzähligen Messen, in denen er mitgesungen hat, die Geselligkeit bei den Chorproben, der Zusammenhalt. Längst ist Alfred Giesing zum Ehrenmitglied ernannt worden. Und so gehört auch heute noch an jedem Mittwoch die Probe zu seinem Leben. Gerade erst hat er einen Herzschrittmacher bekommen, jetzt kann er wieder deutlich besser atmen. Freunde aus dem Chor holen ihn auf dem Weg zur Probe zuhause ab und bringen ihn auch wieder zurück.

Gertrud Giesing beginnt, die Erinnerungen, die in Form vom Zeitungsausschnitten und Fotos inzwischen im halben Wohnzimmer verstreut sind, wieder einzusortieren. Ordner für Ordner reihen sie sich schließlich wieder aneinander, fast ein ganzes Leben. Im Dezember, wenn Alfred Giesing sein 90. Lebensjahr und die 80 Jahre im Kirchenchor vollendet hat, wird es sicherlich noch Platz für einen neuen Ordner voller Fotos und Zeitungsauschnitte geben.

Beitrag drucken
Anzeigen