v.l. Carsten Liedtke, SWK-Vorstand, Michael Geßner, Leiter der Abteilung Energie im NRW-Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie, Professor Frank Alsmeyer, Projektleiter am SWK E²-Institut der Hochschule Niederrhein, Rachid Jaghou, Fachbereichsleiter Zentrales Gebäudemanagement der Stadt Krefeld sowie Sabine Schneider, Projektleiterin bei der EnergieAgentur NRW (Foto: Stadtwerke Krefeld)

Krefeld. Wenn der Landwirt im Mittelalter nicht seine gesamte Getreideernte benötigte, lagerte er den Überschuss in einem großen Kornspeicher. Herrschte später Knappheit, konnte er sich und die Menschen im Umland dann hieraus versorgen. Ein Kornspeicher der Neuzeit steht am Quartelkämpchen in Linn, ist in die Erde eingelassen und besteht nicht mehr aus Holz, sondern aus Metall. Er enthält auch kein Getreide, sondern Wärme. Genauer: Durch Biomethan erhitztes Wasser. Jeweils rund 10 000 Liter lassen sich in zwei Wärmespeichern zwischenlagern, die die Stadtwerke Krefeld (SWK) auf dem Vorplatz am Seniorenheim am Quartelkämpchen errichtet haben. Diese werden gespeist aus dem ebenfalls neu gebauten MiniBlockheizkraftwerk (BHKW) gleich nebenan in einem garagenähnlichen Gebäude.

Die Anlage ist Teil des Wettbewerbs „KWK-Modellkommune“ der Landesregierung, um die innovative Nutzung von Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) voranzutreiben. Krefeld nimmt mit einem Konsortium aus Stadt, SWK und Hochschule Niederrhein daran teil. Die Stadt Krefeld freut sich über die fortschreitende Umsetzung des Forschungsprojektes: „Das Projekt KWK-Modellkommune hat sich in Krefeld durch die enge Zusammenarbeit von Stadtwerken, Hochschule Niederrhein und Stadt als erfolgreiche Kooperation von Wissenschaft und Praxis erwiesen. In Zeiten des fortschreitenden Klimawandels wurde hier eine ökologisch vorteilhafte und perspektivisch wirtschaftliche Form der Energieversorgung für öffentliche und private Gebäude entwickelt und realisiert“, sagt der Leiter des Fachbereichs Zentrales Gebäudemanagement, Rachid Jaghou.

Unterstützt und betreut wird das Projekt von Sabine Schneider von der EnergieAgentur Nordrhein-Westfalen. „Ende 2016 sind bereits ein Mehrfamilienhaus an der Vulkanstraße sowie das Stadtbad Fischeln mit hochmodernen und effizienten Mini-Blockheizkraftwerken ausgestattet worden, Anfang dieses Jahres kam ein Mehrparteienhaus an der Bischofstraße hinzu, das über zwei Brennstoffzellen versorgt wird“, erklärt SWK-Vorstandssprecher Carsten Liedtke. Jetzt ist mit dem Seniorenheim am Quartelkämpchen ein viertes Objekt hinzugekommen.

Doch nicht nur das Seniorenheim kann über die moderne Heizungsanlage mit Wärme versorgt werden. Auch die angrenzenden Gebäude, darunter altersgerechte Wohnungen der Wohnstätte, Mehrparteienmietwohnungen und Doppelhaushälften an der Rathenaustraße erhalten ihre Wärme hieraus. „Wenn die Leistung des neuen BHKW an einem kalten Wintertag nicht ausreicht, nutzen wir die Energie der beiden Wärmespeicher. Wenn auch das nicht reichen sollte, können noch die beiden bestehenden Heizkessel im Keller des Seniorenheims zugeschaltet werden“, erklärt Sebastian Horn, SWK-Projektleiter für das Objekt Quartelkämpchen. „Wir haben hier eine echte Quartierslösung, bei der ein ganzes Viertel zuverlässig mit umweltfreundlicher Nahwärme versorgt wird, denn unser BHKW am Seniorenheim wird mit Biogas betrieben. Dezentrale Energieerzeugung wird in Zukunft immer mehr zum Thema, weil große Kraftwerke nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sind“, so Carsten Liedtke.

Zur Inbetriebnahme der Anlage am Quartelkämpchen kam Michael Geßner, Abteilungsleiter Energie beim Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes NRW, nach Krefeld und überzeugte sich von der Innovation. Geßner: „Das in Krefeld entwickelte und realisierte Nahwärmekonzept zeigt, dass Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Klimaschutz sehr gut zueinander passen und die Kraft-Wärme-Kopplung insbesondere auch auf der kommunalen Ebene wichtige Beiträge für die Energieversorgung in Nordrhein-Westfalen leistet. Hierzu wird allen an innovativen Nahwärmelösungen Interessierten eine gute Möglichkeit geboten, sich umfassend zu informieren.“

Das BHKW am Quartelkämpchen hat eine Leistung von rund hundert Kilowatt. „Was unser Projekt neben der Quartierslösung auszeichnet, ist die selbst entwickelte wirtschaftlich orientierte Betriebsführung des BHKW über eine Wob-Box. Das ist schon ein echtes Krefelder Markenzeichen“, sagt Andreas Benz, Leiter Energiemanagement der SWK. Die BHKW der verschiedenen Objekte werden hierzu gemeinsam über ein virtuelles Kraftwerk gesteuert, um die optimale Fahrweise zu gewährleisten. Das Betriebsverhalten des Systems wird täglich für den Folgetag berechnet und den Anlagenkomponenten vorgegeben. Hierbei werden die lokalen Energieverbräuche sowie die Gas- und Strompreise an der Leipziger Energiebörse von den Algorithmen berücksichtigt. Die Software optimiert die Prozesse so, dass immer auf dem wirtschaftlichsten Weg Wärme und Strom produziert und eingespeist werden.

Die Wissenschaftler der Hochschule Niederrhein haben eine umfangreiche Analyse des KWK-Ausbaupotenzials in Krefeld durchgeführt und interessante Objekte und Areale identifiziert. Die Analyse wurde mittlerweile auf weitere zehn Kommunen im Land übertragen. Danach gibt es nicht nur in den Großstädten Köln und Düsseldorf, sondern auch in kleineren Städten wie Lüdenscheid ein erhebliches Potenzial für dezentrale KWK-Lösungen. „Wenn die KWK dann wie am Quartelkämpchen mit regenerativ erzeugten Brennstoffen betrieben wird, egal ob aus Biomasse oder Überschussstrom, bleibt sie auch langfristig eine effiziente Technik der Energiewende“, erläutert Professor Frank Alsmeyer, Projektleiter der Hochschule.

„Die so oft zitierte Energiewende muss lokal vor Ort umgesetzt werden. Und wenn wir von Energiewende reden, müssen wir vor allem von einer Wärmewende sprechen. Denn gerade in der Heizenergie, die rund zwei Drittel der Energiekosten für einen Haushalt ausmacht, schlummert ein enormes Einsparpotenzial. Wir arbeiten als SWK permanent an innovativen Lösungen für mehr Energieeffizienz. Hocheffiziente und klimafreundliche Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen sowie Erneuerbare Energien spielen dabei eine wichtige Rolle, um die Energiewende zum Erfolg zu führen“, ist Carsten Liedtke überzeugt.

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