Michael Levin, der Neffe von Julo Levin (Foto: (c)Landeshauptstadt Düsseldorf/Uwe Schaffmeister)

Düsseldorf. Mahn- und Gedenkstätte und Stadtmuseum präsentieren bis zum 25. Februar im Rahmen einer Ausstellung das Ergebnis eines gemeinsamen Vermittlungs-Projektes: Ein Museumskoffer zu den Zeichnungen jüdischer Schülerinnen und Schüler in Düsseldorf zwischen 1936 und 1938.

Bei dem Museumskoffer handelt sich um ein ausleihbares, transportables Medium, das es durch eine Vielfalt an didaktischen Materialien ermöglicht, einzelne Themen fokussiert an Orten außerhalb des Museums anschaulich zu vermitteln – quasi ein kleines Museum für unterwegs. Der gemeinsame Koffer der Partnerinstitute behandelt 17 ausgewählte Zeichnungen aus dem Kunstunterricht Julo Levins an der jüdischen Volksschule Düsseldorf. In Workshops und im Unterricht können mit seiner Hilfe die Erfahrungen jüdischer Kinder und Jugendlicher während der NS-Zeit aus historischer, biografischer, künstlerischer und gesellschaftlicher Perspektive nachhaltig vermittelt und in einen Gesamtzusammenhang gestellt werden. Die Erarbeitung und Herstellung wurde aus Mitteln der Stiftung Monjau/Levin finanziert. Gemeinsam mit Originalkinderzeichnungen und Werken Levins werden die Materialien des Museumskoffers bis Sonntag, 25. Februar, in einer Projektraum-Ausstellung im Stadtmuseum, Berger Allee 2, präsentiert.

„Ich halte diese Materialien für eine angemessene und sehr aktuelle Form, mit der sich insbesondere junge Menschen mit diesem kulturellen Erbe auseinandersetzen können“, so Kulturdezernent Hans-Georg Lohe. „Ich kann nur wünschen, dass dieses neue Angebot unserer beiden Kulturinstitute genauso stark in Anspruch genommen wird wie die bisherigen didaktischen Angebote.“

Julo Levin und die Kinderzeichnungen 
Der Museumskoffer enthält neben Materialien, Quellen, Fotos und Arbeitsaufträgen insbesondere eine Auswahl an 17 Zeichnungen jüdischer Schülerinnen und Schüler. Diese Werke sind ein einzigartiges Dokument deutsch-jüdischer Geschichte aus der Zeit des Nationalsozialismus. Sie entstammen der von dem Maler Julo Levin (1901 – 1943) zusammengetragenen Sammlung von Kinderzeichnungen, die rund 1900 Originalarbeiten umfasst und sich zusammen mit zahlreichen eigenen Werken Levins im Stadtmuseum befindet. Levin, der nach dem Abschluss seines Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie 1926 in Düsseldorf als freier Künstler, unter anderem als Mitglied der modernen Künstlergruppe „Das Junge Rheinland“, gearbeitet hatte, durfte als Jude nach 1933 nicht mehr seinen Künstlerberuf ausüben. Seine Tätigkeit als Zeichenlehrer ab 1936 erfolgte aus dieser Notsituation heraus, bot ihm aber zugleich eine Gelegenheit, seine fundierten Kenntnisse über kindliche Kreativität anzuwenden. 1938 zog er von Düsseldorf nach Berlin. 1943 wurde Julo Levin nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Der Museumskoffer 
Ziel der Konzeption des Koffers ist es, einen interdisziplinären Ansatz zu bieten, der über die Arbeit mit den Kinderzeichnungen historische, biografische, künstlerische und gesellschaftliche Zusammenhänge transparent und nachvollziehbar macht und in einen Gesamtzusammenhang stellt. Die Kunstdidaktin Ina Scheffler hat zu diesem Zwecke zusammen mit der stellvertretenden Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte, Hildegard Jakobs, drei Arbeitsmappen erstellt. Die erste Mappe enthält die Reproduktionen der 17 Kinderzeichnungen mit Hinweisen zu möglichen Arbeitszugängen wie zum Beispiel die Biografie des Kindes, die Maltechnik, mit dem Motiv oder der Biografie verknüpfte historische Themen. Ina Scheffler betont: „Mittels künstlerischer Betätigung konnten sich die jüdischen Kinder damals (in den Jahren von 1936 bis 1938) ausdrücken und mit den schwierigen Erlebnissen zurechtkommen. Mit den damals geschaffenen Bildern können sie aber auch indirekt mit heutigen Kindern und Jugendlichen in Kommunikation treten.“ Die zweite Mappe enthält biografische Materialien zu den 17 Zeichnerinnen und Zeichnern, wobei sich die dritte Mappe mit Julo Levin, seiner Biografie und der künstlerischen Arbeit und seiner Sicht auf die Zeichnungen beschäftigt. Letztere erzählt auch die Geschichte der Rettung der Kinderzeichnungen über Nationalsozialismus und Krieg. Zusätzlich zu diesen Mappen enthält der Koffer drei Schuber mit Karteikarten, die sich mit der jüdischen Volksschule Düsseldorf beschäftigen, dem historischen Kontext der Entstehungszeit der Zeichnungen sowie Fotoportraits der Kinder. Reproduktionen eines historischen Stadtplans und einer Karte von Europa und Gegenstände wie zum Beispiel eine Miniatur-Staffelei oder ein Segelboot, die assoziative Zugänge zu Themen wie Kunst, Kreativität oder Reisen ermöglichen, runden seine Materialien ab.

„Eine vielfältige und anschauliche Erinnerung an Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, die fliehen mussten, verschleppt oder getötet wurden, wird auf eine ungewöhnliche und sehr direkte Art und Weise ermöglicht. Durch die Kombination von Kunst und Geschichte können eventuell vorhandene Schwellenängste gemildert werden, sich mit diesem ’schwierigen‘ Thema zu beschäftigen“, sagt Hildegard Jakobs und verweist damit auf die Aktualität des gemeinsamen Projektes. Der Koffer unterstützt die gemeinsame Auseinandersetzung sowohl mit historischen Themen als auch mit Themen der Gegenwart wie beispielsweise Ausgrenzung, Diskriminierung, Retten und Helfen und Folgen einer Diktatur.

Der Museumskoffer kann ab dem 1. Juni entliehen werden.

Am Donnerstag, 14. Juni, ab 15.30 Uhr wird in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Mühlenstraße 29, eine Fortbildung für interessierte Lehrerinnen und Lehrer angeboten. Die Teilnahme ist kostenlos. Um Anmeldung bis zum Montag, 11. Juni, unter der Telefonnummer 0211-89 96205 wird gebeten.

Die Stiftung Monjau/Levin 
Die 1997 gegründete Stiftung Monjau/Levin pflegt das Andenken und Werk der beiden von den Nationalsozialisten ermordeten Künstler Franz Monjau (1903-1945) und Julo Levin (1901-1943). Die von der Stadt Düsseldorf treuhänderisch verwaltete Stiftung geht auf die Initiative der Witwe Franz Monjaus und engen Freundin Julo Levins, Mieke Monjau (1903 – 1997), zurück, die es sich nach dem Ende der Nazi-Diktatur zur Aufgabe gemacht hatte, das künstlerische Erbe der beiden Malerfreunde zu bewahren; eine Aufgabe, der sie sich in den darauffolgenden Jahrzehnten bis zu ihrem Tod unermüdlich gewidmet hat. Mieke Monjau ist auch die Hauptüberlieferin der Sammlung der Kinderzeichnungen, die sie zusammen mit eigenen Werken Levins in den Monaten vor seiner Deportation an sich genommen und an verschiedene Orten in Sicherheit gebracht hat.

Die Stiftung Monjau/Levin hat seit ihrer Gründung eine Vielzahl von Ausstellungen, Publikationen und pädagogischen Arbeiten auf den Weg gebracht. In jüngerer Zeit gehörten hierzu die Aufstellung einer Gedenkstele zu Julo Levin am Julo-Levin-Ufer im Medienhafen, dessen Namensgebung ebenfalls auf die Stiftung zurückgeht, und die Ausstattung des neu eingerichteten Julo-Levin-Raums in der Mahn- und Gedenkstätte.

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