Stellen die neuen Erkenntnisse über Burg Krakau im Stadtarchiv vor (v.l.): Robert Claßen, Vorsitzender des Vereins für Heimatkunde, Archivleiter Dr. Olaf Richter, Rien van den Brand, und Stefan Kronsbein, Schriftleiter des Krefelder Jahrbuchs "Die Heimat" (Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken)

Krefeld. Alltagsgeschichte auf Burg Krakau kann erstmals rekonstruiert werden

Einen sensationellen Quellenfund für die Krefelder Stadtgeschichte hat der Niederländer Rien van den Brand im einem Archiv in Arnheim gemacht: Ein Rechnungsbuch der Burg Krakau. Es enthält Aus- und Einnahmen sowie Bemerkungen über Ereignisse aus dem Zeitraum von 1522 bis 1530. Damit lässt sich erstmals für gut acht Jahre das Alltagsleben zu Beginn der frühen Neuzeit (1500 bis 1789) auf der mächtigen Wehranlage nachvollziehen. „Diese Quelle war hier tatsächlich unbekannt“, so Dr. Olaf Richter, Leiter des Stadtarchivs Krefeld. Sie werde in den kommenden Jahren auch unter dem Aspekt der Wirtschafts- und Sozialgeschichte weiter bearbeitet. Über die Burg Krakau gibt es kaum zeitgenössische Hinweise und nur wenige Publikationen. Für die stadthistorische Forschung ist der Fund deswegen ein Glücksfall und van den Brand vermutet eine weitere historische Quelle über Krefeld in Arnheim.

Die Burg Krakau lag unweit des heutigen Stadtzentrums, das im 16. Jahrhundert rund um den Schwanenmarkt jedoch nur von 250 bis 300 Menschen bewohnt wurde. Die Fläche der Burg samt ihrer Gräben und Wälle maß ein Vielfaches des damaligen Ortes, der seit 1373 das Stadtrecht besaß. Von dort führte die Burgstraße (heute Angerhausengasse) zu der Wehranlage auf der Niederterrasse im Bruchgebiet. Einen zeitgenössischen Eindruck vermittelt ein Bild aus dem Jahr 1547. Es befindet sich im Besitz der Familie von Beckerath und zeigt eine viereckige Burg samt Hauptturm und Wehranlagen. Von Burg Krakau existiert heute nur noch ein kleiner Rest, das sogenannte Hohe Haus an der Straße Am Hohen Haus / Ecke Bogenstraße. Die Anlage im heutigen Bereich der Bogenstraße, Von-Beckerath-Straße, Cracauer Straße und Am Hohen Haus wurde Ende des 14. Jahrhundert errichtet und 1677 geschleift. Archäologische Erkenntnisse liegen kaum vor.

Die rund 20 Seiten des Rechnungsbuches wurden vom Drosten der Burg, einem Goswin von Honseler, verfasst. Zu Beginn der Aufzeichnung schreibt er, dass er als adliger Amtmann durch Karl, den Herzog von Geldern und Jülich und Grafen von Zutphen angestellt wurde. Damit waren die Rechtsprechung sowie weitere staatliche Aufgaben in dem Territorium verbunden. Die Anlage dienst so nicht nur der Verteidigung, sondern auch als Verwaltungssitz samt Archiv. Für die Unterhaltung des Drosten erhielt er unter anderem Naturalien und Pachten und verfügte zudem über Leibeigene.

Derartige Rechnungsunterlagen bilden für Historiker eine spannende Quelle, weil man durch sie den Alltag teilweise rekonstruieren kann. Mit all diesen Angaben können die Wissenschaftler Schlüsse ziehen und indirekte Erkenntnisse wie Naturereignisse gewinnen. Was ging beispielsweise durch einen Sturm oder ein Erdbeben am Gebäude kaputt. Wie viele Personen mussten auf der Burg versorgt werden. Durch ein Rechnungsbuch erfährt man nicht nur deren Anzahl, sondern auch, was abends aufgetischt wurde. In diesen Unterlagen wird auch von feindlichen Truppenbewegung und möglichen Gefahren für die Burg berichtet, wie sich der Droste mit anderen Burgen und Städten verständigte, um eine Verteidigung zu organisieren. Die auf Burg Krakau so mehr stationierten Soldaten mussten verpflegt werden – auch mit Bier. „Was bei der mangelhaften Brauerei zunehmend schwierig wurde“, berichtet van den Brand.

Bei einer Inspektion der Burg wurden verschiedene Lecks am Dach entdeckt, so dass das damals sehr teure Schieferdach größtenteils erneuert werden musste. Das war wichtig, weil darunter das Schießpulver gelagert wurde und nicht nass werden durfte. Dafür wurde extra ein Schieferdecker aus Neuss beauftragt, um die Schäden zu beseitigen. Für die Wachleute wurde neue Kleidung und Ausrüstung beschafft. Ferner wird von einer beschädigten Kanone berichtet, die zur Reparatur nach Venlo gebracht werden musste. Zur Wartung der Bleiglasfenster kam ein Glasmacher aus dem Land Moers zur Burg. Die Beauftragung von Handwerkern aus dem Umland für Arbeiten auf der Burg lässt schließen, dass es solche Gewerke in Krefeld nicht gab oder man sich auf der Burg bessere Spezialisten leisten wollte und konnte.

Während der oranischen Herrschaft über Krefeld (1600 bis 1702) gelangte die Quelle wohl in den Besitz der Niederlande und letztlich in das Gelderische Archiv in Arnheim. Van den Brand entdeckte diese Unterlage nicht nur, sondern transkribierte das Dokument und ließ es ins Deutsche übersetzen. „Ich vermute, dass in Arnheim auch die Lehnsakte der Burg liegt“, so van den Brand. Sie könnte weitere, wichtige Information zur Stadtgeschichte beinhalten. Seine neuesten Erkenntnisse über Burg Krakau hat er in der aktuellen Ausgabe des Krefelder Jahrbuches „Die Heimat“ veröffentlicht. Diese ist im Buchhandel für 27.50 Euro erhältlich.

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