Bei der Generalaudienz (Foto: Gers Hülsmann)

Oberhausen. „Vergessen Sie für die nächsten zwei Stunden alles, was Sie über Anstand gelernt haben“, gibt Reiseleiter Bruno der Gruppe mit auf den Weg, „sonst sind die besten Plätze in der ersten Reihe weg.“ Was für ein Rockfestival normal sein mag – für eine Pilgergruppe aus Oberhausen ist so ein Rat doch eher ungewöhnlich. Zumal es um die Generalaudienz bei Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom geht. „Sie werden sehen, die Nonnen sind die Schlimmsten!“, so Bruno weiter. Christliche Nächstenliebe habe da Pause.

55.000 Menschen auf dem Petersplatz, da kann es schon mal zu Gedränge kommen. Mitten unter ihnen: rund 100 Mitglieder der Gemeinde Herz-Jesu in Sterkrade, die anlässlich des 110ten Jubiläums ihrer Kirche Ende Oktober eine Pilgerfahrt nach Rom und Assisi machen. Um sechs Uhr morgens, vier Stunden vor Beginn der Generalaudienz, auf dem Platz zu sein, ist für Morgenmuffel zwar hart, zahlt sich jedoch aus: die gesamte Gruppe ergattert beste Plätze. Und tatsächlich können einige Nonnen dabei beobachtet werden, wie sie sich in den Schlangen vor den strengen Sicherheitskontrollen vordrängeln.

Für Pastor Arun J. Mathur jedoch kein Grund, es ihnen gleichzutun. Sowas sei absolut nicht seine Art, erklärt er. Und auch wenn er durchaus so wirkt, als könne er sich, wenn nötig, durchsetzen, nimmt man ihm seine Einstellung zur christlichen Nächstenliebe sofort ab. Beweisen muss er seine Haltung an diesem Morgen allerdings nicht, denn alles läuft glatt: näher kann man dem Papst als „Normalsterblicher“ nicht kommen, alle sind begeistert und ergriffen von dem Erlebnis. Einige sogar so sehr, dass sie das Fotografieren vergessen.

Papst Franziskus (Foto: Elias Hülsmann)

Die Generalaudienz ist jedoch nur ein Programmpunkt auf der einwöchigen Reise der Gemeinde. Colosseum, Petersdom, St. Paul vor den Mauern, Katakomben, Trevi-Brunnen, Spanische Treppe – es geht Schlag auf Schlag. Wohltuende Ruhe gibt es nur beim Tagesauflug nach Assisi, Geburtsort von Franz von Assisi, Gründer des Franziskanerordens.

Die Basilika San Francesco mit ihren eindrucksvollen Fresken, die Kirche Santa Chiara, das Santuario San Damiano – Assisi ist eher ein Ort für „das innere Auge, für die Seele“, wie Pastor Mathur erklärt. Dazu gehört auch, fernab jeder Hektik durch die Gassen der Altstadt zu schlendern, ein Stück Pizza oder ein Eis in der Hand.

Die drängelnden Nonnen sind angesichts der überwältigenden Eindrücke aus der Ewigen Stadt und Assisi nur noch eine amüsante Randnotiz – Christen sollten eben auch vergeben können.

Assisi, ein Ort für die Seele (Foto: Gers Hülsmann)
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