Ulrich Esters unterstützt mit seinen Sondengängen die Archäologen bei einer Grabung in Krefeld (Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken)

Krefeld. „Ich zeige Dir jetzt mal einen römischen Hafen.“ Was der Onkel vom damals sechsjährigen Ulrich Esters ihm da zeigen wollte, interessierte den Jungen zuerst nicht. Ihn beeindruckten vor allem die großen Lkw, die den Aushub vom Hafenbecken in Krefeld abtransportierten. Bis es an jenem Tag zu einem Schlüsselerlebnis für den Sechsjährigen kam: „Auf dem Weg zu der Kaianlage habe ich eine römische Haarnadel gefunden“, erinnert sich der 48-Jährige und zieht das kleine Bronzestäbchen aus seiner Jackentasche hervor. Von diesem Moment an hat sich eine bis heute anhaltende Leidenschaft entwickelt, die nun dem Archäologischen Museum Krefeld zugutekommt. Denn bei der aktuellen Grabung in Gellep unterstützt Esters die Archäologen als ehrenamtlicher Sondengänger.

Eine 3,7 Hektar große Fläche muss Stadtarchäologe Dr. Hans Peter Schletter mit seinem Team bis zum Jahresende untersuchen. Südlich des römischen Kastells Gelduba lag ein Teils des Vicus, des Lagerdorfes. Der weitaus größere, nördliche Teil ging durch Kiesabbau, aber in erster Linie durch die Erweiterung des Hafens in den 1970er-Jahren verloren. Die Archäologen sammelten vor 40 Jahren im Hafen nur unter Zeitdruck Erkenntnisse. Bei der laufenden Ausgrabung bleibt ihnen zwar Zeit für ihre Forschung. Dafür drängt sie ein anderes Problem: Raubgräber. Diese zerstören in erster Linie das wichtigste für einen Archäologen, die Fundsituation und Fundumgebung. Findet sich beispielsweise eine Münze in einem Mauerstück oder in einer bestimmten Schicht, ermöglicht die Prägung der Münze eine Datierung eben des Gemäuers oder der Fundschicht. „Wir können dann sagen, wie alt ein Gebäude ist“, sagt Museumsleiterin Dr. Jennifer Morscheiser. Eine Münze ohne die konkrete Fundsituation verliert ihren archäologischen Wert. Auf einem Grabungsgelände oder im Bereich eines Bodendenkmals mit einer Sonde auf Fundsuche zu gehen, ist nach dem Denkmalschutzgesetz schlicht illegal. Doch ein erhöhtes Unrechtsbewusstsein herrsche bei vielen nicht vor. „Bei dem Wort Hobby-Archäologen rollen sich bei mir die Fußnägel hoch“, sagt Morscheiser. Inzwischen gebe es einen regelrechten Sonden-Tourismus aus Deutschland, den Niederlanden und Belgien. „Die Metallfunde lassen wir nicht über Nacht hier“, berichtet die promovierte Archäologin. Frische Grabungsflächen suchen die Archäologen tagsüber selbst sofort nach der Freilegung ab. Nach seinen Dienstschluss kommt Esters hinzu, um zu helfen. „Man sagt mir nach, dass ich wie ein Staubsauger arbeite“, so der 48-Jährige. Er ist nicht der einzige ehrenamtliche Sondengänger. Bis zu zehn weitere sind auf dem Areal unterwegs. Deswegen gehen Raubgräber, wie sie in Foren berichten, leer aus.

Bereits als Jugendlicher besuchte Esters immer wieder die Grabungen vom ehemaligen Museumsleiter Dr. Christoph Reichmann in Krefeld-Gellep. Dabei half der Linner dem Team mit seinem Metalldetektor. So wuchs auch immer mehr das Interesse an der Geschichte seiner Heimatscholle. Die neue Museumsleiterin lernte er schon vor geraumer Zeit bei einem Sondengängertreffen in Rheinland-Pfalz kennen. Die freute sich, als sie vor einem Jahre ihre Position in Krefeld antrat, hier schon ein bekanntes Gesicht wiederzutreffen. Esters bringe Fach- und Fundwissen mit. „Er übergibt uns alle seine Funde, die im Besitz des Museums bleiben“, so Morscheiser. Und vor allem markiert er per GPS, wo er die Funde gemacht hat. Diese Daten werden für die Gesamtdokumentation benötigt.

Mit seinem Detektor könne er zehn bis 20 Zentimeter ins Erdreich hineinhören. Große Schätze finde man nicht. In der Regel entdecke er römische Abfälle, wie kaputte Fibeln. Oder kleine Münzfunde, die auf dem „Markt“ kaum einen Wert darstellen, für ihn aber von hoher Bedeutung seien. „Wenn ich mir vorstelle, dass die ein Mensch zuletzt vor 2000 Jahren in der Hand hatte“, sagt er mit Begeisterung und fügt hinzu: „Ich bin aber kein rheinischer Indiana Jones. Nach der Goldmünze suche ich nach über 30 Jahren als Sondengänger immer noch“, lacht Esters.

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