Modell des Kastells mit dem nördlichen und südlichen Vicus (Foto: Archäologisches Museum Krefeld)

Krefeld. Die römischen Soldaten biegen von der Limesstraße auf die Legionsstraße ab. In einigen hundert Schritten Entfernung liegt erhöht ihr Ziel – das Kastell Gelduba. Mit ihren genagelten Sandalen marschieren sie über die gut ausgebaute Straße zum Lager und ziehen durch das westliche Tor ein. Diese Szene mag sich im Alltag der Römer in Krefeld unzählige Male ereignet haben. Der Archäologe Dr. Christoph Reichmann hat sich nun mit einer Gruppe der Volkshochschule Krefeld auf die Spuren und alten Wege der Soldaten gemacht. Die Schar sammelt sich für ihre Entdeckungstour an der Stratumer Kirche. Auf dem Vorplatz steht der Abguss eines Matronensteines. Die Matronen wurden besonders in der Provinz Niedergermanien von Legionären verehrt. „Er ist von sieben Soldaten aus der Bonner Legion gestiftet worden. Das Original steht in unserem Archäologischen Museum“, erklärt Reichmann. Während der Markomannenkriege um 170 nach Christus sei die in Gelduba stationierte Reitereinheit in das heutige Ungarn verlagert worden und die Bonner rückten als Ersatz nach.

Wie einst die Soldaten gehen die rund 20 Teilnehmer über die Legionsstraße, die originale römische Trassenführung, Richtung Kastell. „Diese Straße ist damals extra aus Richtung der Limesstraße, der heutigen Düsseldorfer Straße, angelegt worden“, so Reichmann. In die Gegenrichtung reichte sie bis in das heutige, belgische Tongeren. Für alle Kastelle habe es solche rückwärtigen Verbindungen gegeben, um die Versorgung auch über den Landweg zu ermöglichen. Nach wenigen Metern streift die Gruppe den Tacitusweg. Der römische Historiker schrieb in seinen Historien über eine Schlacht im Herbst 69 nach Christus zwischen den aufständischen Batavern und den Römer bei einem Ort namens Gelduba. Rund 12000 Soldaten errichteten auf einem Acker an der heutigen Umgehungsstraße ein Feldlager, das die Bataver überfielen. Nur durch nachrückende Truppen konnten die Römer noch siegen. „Die Ausgrabungen bestätigen die Aussagen Tacitus’, denn das Lager besaß nicht nur Wälle und Graben, sondern zumindest stellenweise hölzerne Türme und Torbauten“, so Reichmann. Alleine 80 Pferdeskelette habe man dabei im Bereich eines Lagertors gefunden.

Links und rechts des Wegs erstrecken sich nun die römisch-fränkischen Gräberfelder, für die Krefeld weltweit bekannt ist. Mit rund 6500 Gräbern handelt es sich um das größte erforschte Gräberfeld in Europa. Jenseits der Gräber am Wegekreuz der Latumer Straße, die auch noch die original römische Trassenführung besitzt, begann die Siedlung, die an das Kastell angrenzte. Dort lebten etwa 1500 Menschen, Familien der Soldaten, Händler und Handwerker. In dieser kleinen Stadt nördlich und südlich des Kastells gab es neben den Wohn- und Handelshäusern auch Gastwirtschaften und Bäder. „Das Kastell hatte eine Sollstärke von 500 Reitern“, so Reichmann. Um das Jahr 71 nach Christus wurde das erste Kastell Gelduba aus Holz und Erde mit einem Hafen angelegt. „Die erste Einheit kam aus Spanien. Sie baute sich zuerst ein Bad. Es war das erste Steingebäude in Krefeld“, sagt der Archäologe. Das Bad fiel zwar nicht sehr groß aus, dafür wurde es mit einigem Komfort ausgestattet: Einige Räume wie das Warmbad besaßen eine Fußbodenheizung, es gab Glasfenster, Wandmalereien und verschiedene Wannenbäder. Dieses sogenannte „ältere Bad“ befand sich direkt außerhalb an der Befestigung.

Auf einem Lageplan zeigt Reichmann, wo sich das Bad und das Südtor befanden. „Ein Teil des Turms existiert noch im Keller des Bauernhofes“, berichtet der Archäologe und deutet auf die Stelle hin. Auf dem ehemaligen Lagerweg geht es auf das Kastellareal. Von dem Jahr 71 nach Christus bis zum Zusammenbruch der römischen Herrschaft am Rhein im fünften Jahrhundert existierten dort mindestens vier unterschiedliche Kastelle. Diese Kontinuität des Standortes unterstreicht die strategische Bedeutung Geldubas für die Römer an ihrer Rheingrenze zu Germanien. Die „nasse Grenze“, der Niedergermanische Limes, erstreckte sich von Rheinland-Pfalz bis an die niederländische Nordsee. Dieser Limes-Abschnitt bestand von 15 vor Christus bis etwa 450 nach Christus. Wie andere Abschnitte der Grenzen des Römischen Reichs soll der Niedergermanische Limes 2020 als Welterbe eingetragen werden und damit auch das Krefelder Kastell.

Eine Präsentation zum Thema „Welterbe – Niedergermanischer Limes“ befindet sich im Foyer des Archäologischen Museums Krefeld. Diese umfasst unter anderem eine gut fünfminütige Animation, die verschiedene Kastelltypen in Krefeld, Grabungen und Fundstücke vorstellt. Zudem werden allgemeine Informationen zum Thema Welterbe vermittelt. In einem Unterstützerbuch können Besucher ihre Ideen, Wünsche und Sympathie für das Vorhaben festhalten. Ferner wird im Info-Point in regelmäßigen Abständen ein Objekt aus dem Kastellbereich gesondert aus- und vorgestellt.

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